Die Interventionen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gegen den starken Franken sind politisch breit abgestützt mit einer weitgehenden Zustimmung aus Fachkreisen. Hans Geiger (www.hansgeiger.ch), emeritierter Professor für Banking and Finance der Universität Zürich, beantwortet zum Vorgehen der SNB einige Fragen.
Sie haben die Intervention der Schweizerischen Nationalbank gegen die Frankenstärke teilweise kritisiert und einen pointierten Vergleich gewagt. Ein solcher Eingriff der SNB beim Währungspaar Franken/Euro sei in etwa, wie wenn man eine Tasse Wasser in den Zürichsee kippen würde. Doch offenbar kann sich der von der SNB anvisierte Mindestkurs halten. Warum sind Sie falsch gelegen?
Hans Geiger: Leider ist es nicht so, dass die SNB den minimalen Eurokurs „bisher“ oder „mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit“ verteidigen können muss. Sie muss das in 100,00 Prozent der Fälle tun können. Wenn die Märkte den Glauben an den Euro je verlieren sollten, dann hat die SNB halt wirklich nicht mehr als eine Tasse Wasser im Schrank.
Das durchschnittliche tägliche Volumen an den Devisenmärkten beträgt 4‘000 Milliarden Dollar. Davon betreffen 260 Milliarden Dollar Transaktionen in Schweizerfranken (Zahlen für April 2010). An Spitzentagen – in Zeiten hoher Spekulationswellen – beträgt das Volumen das Mehrfache dieser Zahlen. Die SNB hat im Frühling 2010 während einiger Monate rund 150 Mrd. Franken für Stützungskäufe für den Euro ausgegeben, trotzdem ist der Kurs um 20 Rappen oder rund 15 Prozent gefallen.
Die Bilanz der Nationalbank ist heute schon extrem gross und ebenso verletzlich. Die Bilanzsumme Ende September 2011 beträgt 385 Mrd. Franken. Das sind 70 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Schweiz. Kaum eine andere wichtige Zentralbankbilanz ist auch nur annähernd so exponiert. Dass die SNB „unbeschränkt Devisen kaufen“ kann (Communiqué vom 6. September 2011), glaube ich nicht. Vor allem glaube ich nicht, dass „die Spekulanten“ oder „der Markt“ das glauben. Es gibt zum neuesten „umfassenden Eurorettungspaket“ kaum einen Experten, der damit die Probleme des Euro als längerfristig gelöst betrachtet. Die Wahrscheinlichkeit grober Turbulenzen beim Euro bleibt leider hoch.
Welche währungspolitischen Alternativen hätte die Schweiz in der Situation mit dem starken Franken denn gehabt?
Es gibt nicht für alle Probleme eine Lösung. Vor allem nicht immer eine staatliche Lösung. In der Schweiz leiden gewisse Exportunternehmen, ihre inländischen Zulieferanten und der Tourismus unter einem schwachen Euro- (und Dollar-) Kurs. Diese Unternehmen müssen längerfristig ihre Währungsprobleme selbst lösen. Und sie haben das angesichts der Euro- und Dollarschwächen der letzten Monate viel besser gemacht, als das irgendein Experte gedacht und vorausgesagt hat. Die Exporte stiegen trotz des starken Frankens deutlich. Lassen wir die Firmen ihre Probleme weiterhin selbst lösen. Die Firmen brauchen nicht „währungspolitische Aktionen der Schweiz“, sondern hervorragende Rahmenbedingungen. Daran sollen die Landesregierung und die Kantone arbeiten.
Verschieden Kreise fordern inzwischen eine Erhöhung des Mindestkurses. Welche möglichen Risiken sind mit einer solchen Erhöhung verbunden?
Diese Kreise – nennen wir sie die Etatisten – glauben an die unbeschränkte Macht und Machbarkeit des Staates. Ein Blick auf die Ratlosigkeit der Regierungen Europas in der Krise zeigt, dass ihre Macht klein ist und kleiner wird. Die Regierungen werden mehr und mehr „von den Märkten“ getrieben. Wir hatten doch dieses Jahr schon drei „umfassende Rettungspakete“ für den Euro. Die „Rettung“ ist so fern wie eh und je. Das nächste „umfassende Rettungspaket“ ist wohl bald unterwegs.
Zur Wünschbarkeit des „durch die SNB garantierten“ Euromindestkurses: Die Erhöhung des Mindestkurses ist eine durch und durch schlechte Idee. Im Gegenteil, die SNB muss hoffen, dass sich der Eurokurs am Markt in nächster Zeit auf 1,30 erhöht. Dann könnte sie sagen, es bräuchte den Mindestkurs nicht mehr. Verlöre die SNB auch nur einen einzigen Kampf um den Mindestkurs, dann wäre ihre Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zerstört. Je höher der garantierte Mindestkurs, desto höher ist dieses Risiko. Die SNB muss ihre Kapitalbasis stärken und die Risiken und die Bilanzsumme reduzieren. Nur so kann sie ihre Unabhängigkeit bewahren und verbessern.
Wenn die SNB auch nur den garantierten Eurokurs von 1,20 Franken lange Zeit beibehält oder beibehalten muss, dann ist ihre unabhängige Geldpolitik im Dienste der Preisstabilität Geschichte. Im Euroraum (und in den USA) ist eine zukünftige starke Inflation so sicher wie das Amen in der Kirche. Nicht nur, weil die Politik dies nicht verhindern kann, sondern auch, weil sie es nicht verhindern will. Seit Jahrhunderten haben verschuldete Staaten ihre Schuldenprobleme durch Inflation gelöst. Der gesetzliche Auftrag der SNB lautet aber „Sie gewährleistet die Preisstabilität“. Ohne Wenn und Aber.
Ein starker Franken hat für die Schweiz viele schwerwiegende Nachteile. Andererseits soll es auch Gewinner geben. Wer könnte allenfalls von einem starken Franken profitieren?
Ein starker Franken hat Vor- und Nachteile. Das ist eigentlich bei allen Preisen der Fall. Aber die Profiteure melden sich nicht zum Wort, die Leidtragenden umso mehr.
Beim schwachen Euro überwiegen die Vorteile für die Schweiz. Wir importierten 2010 für 142 Milliarden Franken Güter aus der EU, und diese werden entsprechend billiger. Das Exportvolumen in die EU betrug nur knapp 120 Milliarden Franken. Damit profitieren zuallererst die Konsumenten von billigeren Preisen. Dann Importeure und die Unternehmen, die für den schweizerischen Markt produziert und im Euro- und Dollarraum einkaufen. Ausgeprägt ist der Vorteil bei der importierten Energie, insbesondere bei Erdöl- und Erdgasprodukten und bei anderen Rohstoffen. Die Inflation beträgt in der Schweiz seit Ende 2010 nur 0,6 Prozent, im Euroraum 2,6 Prozent, in den USA 3,0 Prozent, in Grossbritannien 4,3 Prozent. Bei diesen Verhältnissen muss der Frankenkurs steigen. Infolge des starken Frankens sind zudem die Zinsen so tief wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Davon profitieren die Hauseigentümer und die Mieter und generell alle Schuldner. Die Leidtragenden sind hier die Gläubiger, an erster Stelle die Pensionskassen und die Sparer. Diese beklagen sich aber erstaunlicherweise nicht.
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Wir danken Ihnen für die Beantwortung der Fragen.
Interviewpartner:
Hans Geiger, emeritierter Professor für Banking and Finance der Universität Zürich.
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