Swiss Economic Forum: Nouriel Roubini über Aktienmärkte, SNB und die Schweiz

Der Ökonom Nouriel Roubini trat am Donnerstag am Swiss Economic Forum in Interlaken auf. Im Interview mit der Berner Zeitung äussert sich Roubini zur Diskrepanz zwischen den Kursen an den Aktienmärkten und der Lage bei der Realwirtschaft mit den sehr durchschnittlichen Wachstumsraten. Roubini wagt auch Aussagen zur Eurozone. Zugleich stellt er der Schweiz ein gutes Zeugnis aus und er erklärt, was mit den SNB-Devisenreserven auch noch geschehen könnte.

Vier Hauptrisiken sind kleiner geworden

Für die Diskrepanz bei den Entwicklungen von Aktienmärkten und Realwirtschaft sieht Roubini mehrere Gründe. „Im vergangenen Jahr gab es vier Hauptrisiken: das Auseinanderbrechen der Eurozone, die sogenannte Fiskalklippe in den USA, einen abrupten Rückgang des Wachstums in China und die Gefahr eines Kriegs zwischen Israel und dem Iran.“ Diese Risiken in der Weltwirtschaft seien im Vergleich zum Vorjahr kleiner geworden, was sich in einem Anstieg der Aktienkurse widerspiegle. Allerdings könne dieses Missverhältnis zwischen der Situation an den Aktienmärkten und jener in der Realwirtschaft nicht ewig dauern. „Entweder beginnt das Wachstum in Europa, den USA oder Japan anzuziehen oder die Aktienpreise werden sinken“, so Roubini weiter.
Und wie sieht der Starökonom das Risiko eines Crashs an den Aktienmärkten? „Solange die expansive Geldpolitik in den Industrieländern anhält, sehe ich keine Gefahr eines Crashs. An den Aktienmärkten gibt es keine Blase. Die Aktien sind angesichts der guten Gewinnentwicklung der Unternehmen nicht überbewertet.“

Wahrscheinlichkeit fürs Weiterbestehen er Eurozone

Die Wahrscheinlichkeit, das die Eurozone bestehen bleibt und nicht – wie von vielen befürchtet – auseinander bricht, schätzt Roubini auf über 70 Prozent. Zugleich ordnet Roubini der Möglichkeit, dass kleine Länder wie Griechenland oder Zypern die Eurozone im Verlauf der nächsten drei bis fünf Jahre verlassen werden, ein Wahrscheinlichkeit von rund 50 Prozent zu.

Solide Steuerpolitik der Schweiz

Lobende Worte hat Roubini für die Schweizer Volkswirtschaft übrig, vor allem verfüge die Schweiz über grossartige Institutionen. Es deute nichts darauf hin, dass die Erfolgsgeschichte der Schweiz bald zu Ende gehen könnte, so Roubini. In der Finanzkrise habe die Schweiz bewiesen, dass sie auch grössere Probleme bewältigen könne. Zudem sei es richtig, dass die Eigenmittelvorschriften der Banken verschärft worden seien. Und Roubini nennt einen weiteren Grund für den Erfolg der Schweiz: “Die Steuerpolitik ist sehr solid.“

Abbau der SNB-Devisenreserven kann lange dauern

Roubini macht zudem auf Möglichkeiten aufmerksam, wie die Schweizerische Nationalbank (SNB)  mit dem hohen Bestand an Devisenreserven von rund CHF 500 Mrd. umgehen könnte. Es sei nicht zwingend, dass die Nationalbank die Reserven sofort loswerden müsse. „Möglich wäre auch, einen Teil der Gelder in einen Staatsfonds auszulagern, wie es andere Länder machen“, erklärt Roubini. Das erlaube es in grösserem Umfang als heute, Gelder in Aktien und Obligationen anzulegen. Allerdings verweist Roubini dabei auch auf gewisse Risiken, zumal es keinen einfachen und schnellen Weg gebe, die Währungsreserven abzubauen. Und auf die Frage, ob es Jahre dauern könne, bis die Devisen reduziert sind, sagte Roubini: „Ja, vielleicht sogar Jahrzehnte.“

International bekannt wurde Nouriel Roubini, Berater im Finanzministerium in der Regierung Clinton, weil er 2006, als wichtige Wirtschaftsregionen noch einen Boom verzeichneten, bereits warnende Aussagen zur Entwicklung auf den Finanzmärkten machte. Roubini ist Professor an der Stern School of Business in New York und Leiter der Firma Roubini Global Economics.

 

Jeder fünfte Mitarbeitende ist sich einer finanziellen Manipulation im Unternehmen bewusst

Einer von fünf Mitarbeitenden ist sich innerhalb der letzten zwölf Monate der finanziellen Manipulation im eigenen Unternehmen bewusst. In wachstumsstarken Märkten steigt der Anteil von Mitarbeitenden, die angeben, über Manipulationen Bescheid zu wissen, auf über ein Viertel. In der Schweiz besteht bei jedem zehnten Mitarbeitenden ein Bewusstsein über unethischen Verhaltens in seinem Unternehmen. Dies sind die Ergebnisse einer Umfrage des Beratungsunternehmen Ernst & Young (Europe, Middle East, India and Africa EMEIA Fraud Survey 2013: Navigating today’s complex business risks). Befragt wurden mehr als 3’000 Angestellte in 36 Ländern.

Auf Verwaltungsrats- und oberster Führungsebene haben sogar 42 Prozent der Befragten Kenntnisse von finanziellen Manipulationen im Verlaufe der letzten 12 Monate, insbesondere bei Umsatzzahlen oder Kosten im jeweiligen Unternehmen. Zudem nehmen 57 Prozent an, dass Bestechung und Korruption in ihrem jeweiligen Land weit verbreitet sind, wie Ernst & Young weiter schreibt. Die Umfrage ergab zudem:

  • 38 Prozent der Befragten glauben, dass Unternehmen die Finanzergebnisse aufblähen.
  • In Wachstumsmärkten stellen Unternehmen die Finanzergebnisse oft falsch dar (das denkt rund die Hälfte der Befragten). In Westeuropa geben 29 Prozent der Befragten einen solchen Befund.
  • Unter den Befragten in der Schweiz sind lediglich 16 Prozent der Auffassung, dass finanzielle Manipulation in der Schweiz verbreitet ist.

Gemäss Umfrage erhöht sich das Risiko einer Falschdarstellung von finanziellen Ergebnissen in einem unethischen Geschäftsumfeld. Im Zusammenhang mit der Verbreitung von Bestechung und Korruption zeigt die Umfrage folgendes Bild:

  • 57 Prozent aller Befragten geht davon aus, dass Bestechung und Korruption im Geschäftsalltag ihrer Länder gang und gäbe ist.
  • In Wachstumsmärkten beträgt der Anteil der Befragten mit dieser Meinung sogar 67 Prozent.
  • In der Schweiz sind immerhin noch 10 Prozent der Befragten der Meinung, dass Bestechung und Korruption weit verbreitet sind.
  • 26 Prozent (Schweiz: 7 %) sind der Meinung, dass es in ihrem Sektor üblich ist, Aufträge mithilfe von Bestechung zu gewinnen.

Wie die Umfrage zeigt, besteht in vielen Unternehmen zwischen oberem Management und den anderen Mitarbeitenden eine deutliche Kluft in der Wahrnehmung, was Relevanz und Effektivität von Compliance-Richtlinien betrifft. Interessant sind in diesem Zusammenhang folgende Erkenntnisse:

  • 60 Prozent der Verwaltungsräte und oberen Führungskräfte gehen davon aus, dass ihr Unternehmen Mitarbeitende unterstützen würde, Verdachtsfälle von Betrug, Bestechung oder Korruption zu melden.
  • Aber: Nur 34 Prozent der Mitarbeitenden stimmen dieser Annahme zu.

Die Studie können Sie hier herunterladen.

Studie: Schäden von durchschnittlich CHF 360’000 durch Wirtschaftskriminalität

Wirtschaftskriminalität verursacht in Schweizer Unternehmen Schäden von durchschnittlich rund CHF 360’000. Die höchsten Kosten verursachen in Schweizer KMU Diebstahl und Unterschlagung, während Datendiebstahl und Datenmissbrauch vor allem Grossunternehmen betrifft, wie das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG in einer Medienmitteilung zu einer heute veröffentlichten Studie schreibt. Ein Fazit der Dreiländerstudie (CH, D, A) zum Thema Wirtschaftskriminalität: Schweizer KMU unterschätzen Diebstahl und Unterschlagung nach wie vor. In der Schweiz sind 47 Prozent der Grossunternehmen und 13 Prozent der kleineren und mittelgrossen Unternehmen (KMU) von Wirtschaftskriminalität betroffen. In die Studie wurden rund 500 KMU und 93 Grossunternehmen einbezogen.

Haarsträubende Fälle

Die Studie zeigt anhand von aktuellen Fällen das Vorgehen. Da werden Berechnungsformeln manipuliert oder nicht autorisierte Zahlungseingänge verbucht. Dabei fallen manche Manipulationen  ziemlich plump aus, wie eine Präsentation zur Studie zeigt. So trägt eine Rechnung neben dem Ausstellungsdatum auch den Stempel mit den Angaben über den Zeitpunkt der Verbuchung. Allerdings erfolgte die Verbuchung offensichtlich schon vor der Ausstellung der Rechnung.

Ein weiterer, in der Präsentation zur Studie zitierter Fall betrifft die betrügerische Finanzberichterstattung. Die fiktive Erhöhung des Jahresumsatzes von CHF 14 auf CHF 16 Mio. in zwei aufeinander folgenden Jahren führte bei einem Unternehmen zu einem massiv höheren Kaufpreis.  Phantasie beim planmässigen Vorgehen sowie kriminelle Energie zeigt auch ein Beispiel zum Thema Veruntreuung.

Diese Fragen sollten Sie sich auch noch stellen

Oft sind es gemäss Studie bestimmte Details, bei denen sich die Augenbrauen heben sollten und die Anlass geben zu genaueren Abklärungen oder bei denen schlicht schon die Alarmglocken läuten sollten.

Folgende 10 Fragen sollten sich Verantwortliche des Rechnungswesens auf allen Hierarchiestufen stellen:

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1. Sind bei der Nutzung von Software für den elektronischen Datenträgeraustausch die Passwörter geschützt?
2. Fehlen Dokumente?
3. Sind Verbuchungen unnötig kompliziert?
4. Sind ungewöhnliche oder unerwartete Ausschläge bei Kennzahlen zu verzeichnen?
5. Gibt es eine Verbuchung von Einmalkreditoren?
6. Existieren enge Verknüpfungen von Mitarbeitenden mit Lieferanten?
7. Werden ungefaltete Belege oder Kopien als Zahlungsnachweise vorgelegt?
8. Wie verhält es sich mit der Kontrolle von abgeschriebenen Warenbeständen?
9. Ist Vollständigkeit bei Erlösen aus der Entsorgung gewährleistet?
10. Gibt es Rechnungen, die „sofort“ bezahlt werden?

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Nach erfolgtem Delikt fragt man sich in vielen Unternehmen, warum es gerade sie getroffen hat. Dabei ist das Problembewusstsein sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Diebstahl und Unterschlagung bei KMU – Datendiebstahl und –missbrauch bei Grossen

Über die drei Länder betrachtet, sind Diebstahl und Unterschlagung die mit Abstand häufigsten Deliktarten (total 246 Fälle in den letzten zwei Jahren). In der Schweiz sind KMU besonders häufig davon betroffen, denn 71 der 138 hierzulande berichteten Fälle ereigneten sich in dieser Unternehmenskategorie, wie es in der Medienmitteilung weiter heisst. Zwar kennen KMU die Risiken in Folge einer Verletzung von Urheberrechten und Datendiebstahl einigermassen, doch Unternehmen sind sich der potenziellen Schäden durch Diebstahl und Unterschlagung immer noch zu wenig bewusst. Datendiebstahl und Datenmissbrauch sind in der Schweiz vor allem bei Grossunternehmen ein Problem.  Die untersuchten Schweizer KMU bezifferten gemäss Medienmitteilung den entstandenen Gesamtschaden über die letzten zwei Jahre auf rund CHF 4.7 Mio.

Mehrheitlich externe Täter bei KMU 

Auffällig ist, dass in Schweizer KMU 56 Prozent der Fälle von unternehmensexternen Tätern begangen wurden. Die interne Täterschaft stammt meist aus dem mittleren und oberen Management, wie es in der Mitteilung zur Studie heisst. Die KMU-Mitarbeitenden ohne Kaderfunktion seien vergleichsweise deutlich seltener in Wirtschaftsdelikte involviert. In der Schweiz ist besonders der Anteil des mittleren und oberen Managements mit 21 Prozent insgesamt relativ hoch (DE 12%, AT 5%).

Wichtige Hinweise von innen und aussen

Die meisten Delikte wurden durch Hinweise von Personen ausserhalb des Unternehmens (17%) oder durch unternehmensinterne Meldungen (19%) aufgedeckt. In 10 Prozent der Fälle führten Hinweise der Strafverfolgungsbehörden zur Aufdeckung. Eher selten wird das Unternehmen erst durch die Medienberichterstattung auf kriminelle Missstände aufmerksam. Zwischen den einzelnen Ländern gab es diesbezüglich keine grossen Abweichungen.

Finanzieller Druck und Aussicht auf Boni

Finanzieller Druck und die Aussicht auf Boni sind gemäss Studie zwei der zentralen Beweggründe für Wirtschaftsdelikte. Dieses Motiv ist in der Schweiz stärker ausgeprägt (29%) und liegt über den Vergleichswerten aus Deutschland (11%) und Österreich (25%). Auf die Frage, weshalb ein Wirtschaftsdelikt passieren konnte, nannten die meisten Unternehmen übereinstimmend mangelndes Unrechtsbewusstsein, gefolgt von fehlende Kontrollen und Unachtsamkeit, wie es in der Studie heisst. Die meisten Fälle werden denn auch arbeits- oder zivilrechtlich sanktioniert (60%). Nur ein Viertel der Fälle wird strafrechtlich verfolgt, was deutlich macht, dass ein Grossteil der Fälle nie an die Öffentlichkeit gelangt.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

In den Ferien einige Themen verpasst? Hier eine launige Übersicht der vergangenen Wochen

Ferien. Endlich abschalten. Andere Kulturen erleben und neue Leute kennenlernen. Für die Erholung ist unter anderem auch der Standard des Hotels wichtig.

Kaum zurück aus den Ferien erhalten andere Standards wieder grössere Bedeutung wie zum Beispiel die International Financial and Reporting Standards (IFRS). Das IFRS Bulletin zeigt kurz und knapp die vom IASB veröffentlichten Vernehmlassungsentwürfe zu  Anpassungen und Klarstellungen an den bestehenden Standards.

In den Ferien die Seele baumeln lassen und die eigene Mitte finden. Wie Sie beim Umgang mit Listen das arithmetische Mittel finden, lesen Sie in unserem Beitrag.

Möglicherweise haben Sie in den Ferien manchmal vom neuen Rechnungslegungsrecht, wenn nicht  geträumt, so allenfalls über dessen Auswirkungen nachgedacht. Unserem Artikel entnehmen Sie, was der Traum des Gesetzgebers war, als er das Gesetz aufgesetzt hat – und warum der Traum nicht ganz in Erfüllung ging.

Der Import und Export von Optionen für Mitarbeitende war am Zoll bei Ihrem Grenzübertritt sicher kein Thema für Sie. Trotzdem dürften Sie verschiedene Sachverhalte zu Gesetzesänderungen bei der Besteuerung von Mitarbeiteroptionen beim Import und Export interessieren. Wir bieten einen Artikel zum Thema und einen Hinweis auf ein Buch.

In den Ferien denken Sie manchmal vielleicht vor allem an ein kühles Bier – und nicht an Shakespeare. Doch vom ganz Grossen lässt sich neben grandioser Poesie und Menschenkenntnis auch viel über Führung lernen. Lesen Sie dazu unseren Beitrag.

Am Pool denkt man in den Ferien wahrscheinlich nicht gerade an Cash Pooling – ausser man schwimmt im Geld. Lesen Sie den erfrischenden Beitrag zum Thema Cash Pooling. Cool.

Das Kürzel BCG könnte auch für Beach, Copacabana und Genuss stehen. Tatsächlich handelt es sich bei der BCG-Matrix um ein strategisches Führungsinstrument. Den Text dazu können Sie sich auf der Zunge zergehen lassen.

Bei einer Reise ist im Nachhinein nicht immer sofort eindeutig klar, was der Gewinn war. Fakt ist: Der Cash ist verflossen. In unserem Beitrag (Profit is an Opinion – Cash is a Fact) gehen wir dem Thema Cashflow von einer anderen Warte auf den Grund. Sicher zu Ihrem Gewinn.

Die Leistungen im Hotel waren vielleicht nicht das, was Sie sich vor der Reise vorgestellt haben. Im Nachhinein ärgern Sie sich allenfalls, dass Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) nicht richtig gelesen haben. Unser Artikel zeigt, was sich bei den AGB im Rahmen des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) per 1. Juli 2012 alles geändert hat.

Möglicherweise haben Sie davon geträumt, Kleinaktionär jenes exklusiven Hotels zu werden, in dem Sie abgestiegen sind. Aber Obacht. In der Schweiz fahren Kleinaktionäre mit dem neuen Rechnungslegungsrecht allenfalls doch nicht so gut, wie unser Autor aufzeigt.

Ferienzeiten kommen und gehen wie Konjunkturzyklen. Die nächsten Ferien haben Sie allenfalls aufgrund Ihres eigenen Erlebnisindikators schon gebucht. Doch fürs Erkennen von Konjunkturzyklen braucht es dagegen eine ganze Reihe von Indikatoren. Welche das sind, lesen Sie in unserer Serie zum Thema.

Das a+c-Team wünscht Ihnen für den Geschäftsalltag viel Elan.

Jahresrückblick ins 16. Jhd. oder vom Vorteil „untadelhaffte Register der Schulden zu haben“ Teil 2/2

Die verschiedenen geschäftlichen Handlungen wurden in mehrere Bücher eingetragen. Geschäftsfälle fanden Eintrag ins „Journal“, die Warenwirtschaft wurde im „Kaps“ geordnet und Aufwandposten wurden im „Unkost Büchlin“ aufgelistet. Analog zur heutigen Praxis ordnete man schon damals die Geschäftsfälle im Journal (dt. etwa = Tagebuch) chronologisch mit laufender Nummer, Datum, Betrag und einem Kurzkommentar. Denn: „Im Grund Buch, darin alle dinge nach ordnung der zeit und umbstende, wie sie gehandelt, verzeichnet und eingeschrieben.“ Pro Monat sind im Jahr 1600 zwischen vier und zehn Geschäftsfälle verzeichnet.

Und wenn der Autor „Kaps“ erläutert, meint er eine Aufstellung der eingekauften und verkauften Waren als „sonderlichen Auszug aus dem Journal“. „Was man von Güttern einkaufft, das schreibet man zur linken Hand und was von Wahren verkaufft zur rechten hand.“ Aus dieser Art Erfolgsrechnung man also „leichtlich sehen mag, wie viel wahren entpfangen, verkaufft und noch verhanden, und was daraus gelöst oder umb wie viel sie verkaufft werden mögen“.

Ein weiterer Auszug aus dem Journal ist das „Schuld Buch“, wobei Erklärungen folgen über die Verbuchung von Zahlungen und Schulden. „Als was einer schuldig, schreibet er gegen der linken hand, was er aber zahlet hat gegen der rechten hand.“ Speziell verwiesen wird auf den Bestand an flüssigen Mitteln und wofür Ein- und Auszahlungen erfolgten. „Item, zu ende dieses Buches mag man haben ein Rechnung der Cassa.“ „Als was einer von bahrem Gelde einlegens und ausnemens, schreibet er zu lincken hand, uns was davon genommen oder ausgeben wirt, zur rechten hand.“

Aber auch die Aufwandposten sind speziell ausgewiesen wie etwa die Transportkosten. „Damit nicht einem jedem Boten Fuhr, Trag, Binde, Wagen, lohn gegeben werden dürffe, so pfleget man zu halten ein klein büchlin, wie man denn mit diesem Büchlin alle Monat abrechnen mag.“

Debitoren und Kreditoren im „Memorial Buch“ und Inventar im „Secret Buch“

Doch ein Debitoren- und Kreditorenbuchhaltung ist schon vorhanden. Im „Memorial Buch“ sind „alle die jenigen“ aufgeführt, welche „zum einkauffen oder verkauffen gebraucht werden“, und zwar mit Namen von Käufern und Verkäufern, Tag und Jahr des Geschäftsfalles sowie Preis, Art und Herkunft der Ware – und „ob es auf bahr oder auff zeit gehandelt“ wurde. Das „Secret Buch“ sodann „ist gleich wie ein Inventarium und „enthält den Bestand an baren Mitteln, Waren, Schulden, Zinsen und „Bergwercken“.

Von dem „furttragen“ und „Regul im Buchhalten oder von den Circumstantiis“

Und die Methodik der Buchhaltung verlangt es, Ordnung zu halten. Sobald also pro Ware oder Schuld ein Blatt voll geschrieben ist, sollte man das Blatt abschliessen und man „trage oder schreibe den Rest an ein ander Blat, da ich wiederumb plaz habe.“

Und mit der „Regul im Buchhalten oder von den Circumstantiis“ verweist der Autor auf die Systematik mit den wichtigsten Begriffen wie Debitor, Kreditor oder Cassa. Cassa ist nichts anderes als „ein Thrune darin man das bahre Geld schleust“.

Finanzierung des Handels mit Wechseln

Das Journal ermöglicht einen Einblick in ein typisches Handelsgeschäft jener Zeit, bei dem beträchtliche Mengen verschoben wurden. Fein säuberlich sind die einzelnen Geschäftsfälle aufgelistet, wie jenes am 3. Januar 1600. „Honig kaufft ich von Kunrad Klosen in Wien 2 Tonnen, jede Tonne zu 8 Thalern, habe ich bahr zahlt.“ Den Honig verkauft unser Handelsmann am 7. Frabruar 1600 weiter. „Blasien Kirchnern von Prag verkaufft ich Honig, 2 Tonnen.“ Aber gehandelt wird auch mit Hering, Ingwer, Leinwand oder „Negelin“ (24. März 1600). „Georg Khünen verkauft ich hering 6 Tonnen“ (1. Juni 1600). Am 6. Juni erfolgt sogar eine Lieferung von 15 Tonnen! Aufgeführt sind im Journal auch die Zahlungen. „Cassa hat empfangen von Hans Schmiden“. Ausgewiesen sind die Gewinne, die pro Warengattung erzielt wurden, und das Journal enthält Angaben zu einem Wechselgeschäfte (4. Dezember).

 

Währungsumrechnung beim Handel über Grenzen

Handel trieb man offenbar in gesamten mitteleuropäischen Raum. Mandeln kamen aus Leipzig, Hering wurde nach Breslau verkauft. Kunden und Lieferanten befanden sich auch in den Städten Freiburg. Bei der international ausgerichteten Geschäftstätigkeit musste man sich zwangsläufig auch mit Währungen und deren Umrechung beschäftigen. In einem speziellen Teil des Buches geht der Autor auf das Thema Münzen und Währungen in „Böheimb“ (wahrscheinlich Böhmen) ein. Und auch bei diesem Thema greift Schultzen auf die Expertise eines Praktikers zurück. Das Münzwesen wie etwa den Gehalt an Edelmetallen bei den einzelnen Währungen thematisiert der Autor anhand von Beispielen aus einem Buch von Melchor Goldammer, Rechenmeister zu Görlitz. „Von gemeinem Wechseln der Müntze, allein durch Multiplicirn und Dividirn“ ist anhand von vielen Beispielen die Rede. „Von Rechnung uber Land“ resultiert dann schon einmal ein „Gewin oder Verlust“. Angegeben sind auch die entsprechenden Wechselverhältnisse der Währungen von  Polen (S. 237), Ungarn („Hungern“), Osterreich (S. 241) sowie Nürnberg (S. 244) und Meissen oder Sachsen (S. 247).

Gewinn- und Verlustrechnung aus dem „Conto der Cassa oder Rechnung von Bahrschafft“

Was am Ende des Jahres bleibt, zeigen „Cassa Einnamb“ und „Cassa Ausgabe“, welche jeweils  „vom nechsten Blat anhero getragen“ werden. Also summiert Rechenführer Johann Neudörffer den Bestand an flüssigen Mitteln, die Forderungen und „die bleibenden Wahrn“ und subtrahiert davon die Ausgaben und Schulden. Und so „findet sich der Rest, dem im Gütter Buch gesezten Gewien gleich.“

Schliesslich ist noch ein Zinsverlust von 71 Talern und 24 Gulden ausgewiesen sowie Unkosten von 20 Talern, welche den Gewinn insgesamt schmälern. Trotzdem „bleibet bestendiger Gewien von 507 Talern, 19 Gulden und 8 Hellern“.

Thema im „ersten Theil“ sind die vier Grundrechenarten sowie Bruchrechnen. „Der ander Theil, von der Practica“ geht dann speziell aufs Rechnen bei Handel und Gewerbe ein. Was es mit brutto, tara und netto auf sich hält, wird ebenso erläutert wie die Pacht. „Im Bergwerck gehöret allemahl der Zehende Theil dem Grund Herrn.“

Kapitel zu den Gesellschaftsformen

Doch das Buch geht auch auf die damals üblichen Gesellschaftsformen ein, wenn sich gewisse Personen zusammenfinden, um gemeinsam „auf Gewien und Verlust“ Handel zu treiben. Entsprechend einer Personengesellschaft empfiehlt der Autor, „was sie als dann in demselbigen Handel gewinnen oder verliehren“ nach der „Regul De tri“, also nach dem Dreisatzsystem, aufzuteilen sich bemüssigt sein sollten. Ein weiteres Kapitel ist dem Zins- und Zinseszinsrechnen gewidmet.

PwC-Crime Survey 2011: Cybercrime als neue Herausforderung für Unternehmen

Im vergangenen Jahr stellten 18 Prozent der Schweizer Unternehmen mindestens einen Fall von Wirtschaftskriminalität fest. Meistens handelte es sich dabei um Fälle von Vermögensveruntreuung, während neu Cybercrime das zweithäufigste Wirtschaftsdelikt in der Schweiz ist. Dieser Befund widerspiegelt sich im wahrgenommenen Ausmass der Bedrohung durch Cybercrime. 52 Prozent der Befragten betrachten das Risiko von Cybercrime als gestiegen. Zu diesen Ergebnissen kommt die neueste Studie „Global Economic Crime Survey 2011 – Swiss Edition“ des Beratungsunternehmens PwC. Für die Studie befragt wurden 140 Schweizer Unternehmen.

Vermögensveruntreuung am häufigsten

Gegenüber 2009 ist der Anteil von Firmen, die in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Deliktfall verzeichneten, jedoch nur geringfügig gestiegen – von 17 auf 18 Prozent. Häufigste Deliktart bleibt die Vermögensveruntreuung, die bei 80 Prozent der von Wirtschaftskriminalität betroffenen Unternehmen festgestellt wurde, wie PwC in der Medienmitteilung schreibt. „Aufgrund der turbulenten wirtschaftlichen Entwicklungen in jüngster Vergangenheit und unserer Marktwahrnehmung hatten wir einen stärkeren Anstieg erwartet“, sagt Gianfranco Mautone, Leiter Forensic Services bei PwC Schweiz. Den Anstieg um 16 Prozent gegenüber 2009 schreibt Gianfranco Mautone der Tatsache zu, dass Vermögensveruntreuung ein einfach zu verübendes Delikt und zudem unabhängig von der Hierarchiestufe des Täters ist, so PwC weiter.

Cybercrime boomt

Cybercrime sei neu die am zweithäufigsten begangene Deliktart, noch vor Spionage und Geldwäscherei, die sich mit je 12 Prozent Nennungen Platz 3 teilen. 20 Prozent der Befragten waren laut PwC schon Opfer von Cybercrime. In der Studie von 2009 war Cybercrime noch nicht einmal eine  eigenständige Kategorie. Als Cybercrime bezeichnet die Studie Delikte, die mittels Computer und Internet verübt werden.

Reaktives Verhalten gegenüber Cybercrime

54 Prozent der Befragten nähmen Cybercrime primär als Gefahr von aussen wahr. Von der Hälfte der Befragten werde die Quelle dieser Bedrohung sowohl im In- als auch im Ausland vermutet. Die gefürchtetsten Auswirkungen von Cybercrime sind Rufschädigung (39 Prozent) und Datendiebstahl bzw. -verlust (38 Prozent), wie es in der Mitteilung zur Studie weiter heisst. Ein Grossteil der Unternehmen sei unzureichend auf Cybercrime vorbereitet und der Umgang mit Cybercrime eher reaktiv als initiativ. 52 Prozent der Befragten geben an, erst dann Hilfe bei einem externen Spezialisten zu holen, wenn sich bereits ein Vorfall von Cybercrime ereignet hat, wie es weiter heisst.

Mehr externe als interne Täter – und mehr bei übrigen Angestellten

Wie schon 2009 sei die Finanzbranche am stärksten von Wirtschaftskriminalität betroffen, denn 44 Prozent der entdeckten Fälle in der Schweiz entfallen auf diesen Sektor. 52 Prozent der erfassten Delikte gehen auf das Konto von externen Tätern, bei 40 Prozent der Fälle handelt es sich um Delinquenten aus den eigenen Reihen, wie PwC schreibt.

Bei den internen Tätern fällt im Vergleich mit den Zahlen von 2009 vor allem eine Verschiebung ins Auge, wie Ivo Hoppler, Partner Forensic Services & Corporate Resilience bei PwC Schweiz, ausführt: „Der Anteil von Tätern aus dem Senior Management ist bei 20 Prozent stabil geblieben. Weniger Täter sind im mittleren Management zu finden – der Anteil sank von 50 auf 10 Prozent -, während sich bei den übrigen Angestellten der Anteil mehr als verdoppelt hat – von 30 auf 70 Prozent.

Nach wie vor bestehe allerdings Grund zur Annahme, dass eine grosse Zahl von Wirtschaftsdelikten unentdeckt bleibe. Budgetkürzungen in den verschiedensten Unternehmensbereichen tragen mit dazu bei, dass die Delikterkennung bzw. -vorbeugung in vielerlei Hinseicht suboptimal bleibt, wie es in der Medienmitteilung weiter heisst.

Quelle: PwC. Global Economic Crime Survey 2011 – Swiss Edition, Seite 20.
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Gewerkschaften betonen bei Euro-Wechselkurs Signalwirkung des Mindestkurses

Der starke Franken bleibt für die Schweiz ein Dauerthema und die Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sind Gegenstand von Diskussionen. Zwar begrüssen auch Fachkreise die Interventionen der SNB. Doch über die Höhe des Mindestkurses, den die SNB verteidigen soll, gehen die Meinungen auseinander. Insbesondere Arbeitnehmerorganisationen setzen sich für eine höhere Marke des Mindestkurses ein. Peter Lauener vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) hat accountingundcontrolling einige Fragen beantwortet.

Arbeitnehmerorganisationen, insbesondere die Gewerkschaft Unia, haben an einer Medienkonferenz vom 18. Oktober einen festen Euro-Wechselkurs von mindestens 1.40 Franken gefordert. Wie leiten Sie diesen Mindestkurs ab?

Peter Lauener: Der Franken ist mit etwas über 1.20 Fr./Euro nach wie vor extrem überbewertet. Das zeigt sich bei einem Vergleich mit Deutschland. Deutschland ist nicht nur der grösste Abnehmer von Schweizer Produkten und der wichtigste Herkunftsort der Schweizer Feriengäste, sondern auch der Standort der bedeutendsten Konkurrenten der Schweizer Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie (sog. MEM-Industrie). Gegenüber Deutschland war der Franken Ende 2009 bei einem Kurs von 1.50 Fr./Euro im historischen Vergleich fair bewertet. Seither war die Teuerung in Deutschland etwas stärker, womit der faire Kurs nun etwas darunter liegen dürfte. Auch mit 1.40 wäre der Franken immer noch überbewertet. 1.40 dürfte für zahlreiche Firmen aber ohne Stellenabbau tragbar sein.

Die Gewerkschaften sprechen im Zusammenhang mit dem starken Franken von „spekulativer Überbewertung“. Doch spielt beim Schweizer Franken nicht auch dessen Funktion als „Safe Heaven“ eine Rolle, insbesondere vor dem Hintergrund der Turbulenzen im Euroraum?

Der Franken hat sich dann aufgewertet, als die Nationalbank kommunizierte, dass sie nur noch übermässige Aufwertungen, nicht mehr alle Aufwertungen bekämpfen würde. Dieses Signal hat die Aufwertungsbewegung verstärkt.

Ist ein Mindestkurs von 1.40 Franken überhaupt realistisch und was wäre die volkswirtschaftliche Konsequenz eines solchen Niveaus der Währung?

Mit 1.40 ist der Franken immer noch überbewertet. Doch dieser Kurs würde für die Schweizer Wirtschaft gegenüber 1.20 eine deutliche Entlastung bedeuten. Damit könnten Arbeitsplätze erhalten und Löhne gesichert werden.

Die Schweizerische Nationalbank hat schon hohe Europositionen aufgebaut. Muss die SNB zur Schwächung des Frankens Ihrer Ansicht nach weiter auf diese Karte setzen oder sehen Sie andere Massnahmen, welche die Nationalbank noch ergreifen könnte?

Bevor die Nationalbank eine explizite Untergrenze eingeführt hat, hat sie viele Euro gekauft bzw. Franken verkauft, und die Abwertung zu stoppen versucht. Die explizite Untergrenze hat hingegen ermöglicht, ein Kursniveau durchzusetzen, ohne dass umfangreiche Eurokäufe notwendig waren. Darum ist es gegenwärtig wichtig, explizite Kursziele zu verfolgen. Solange die Zinsen im Euroraum höher sind als in der Schweiz und die Nationalbank glaubwürdig ist, dürfte sie Kursziele verteidigen können, ohne gross Franken zu verkaufen. Für den Fall, dass eine extreme Flucht in den Franken stattfindet, müssten ergänzend zum Kursziel administrative Massnahmen eingeführt werden (Kapitalverkehrskontrollen u.a.).

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Wir danken für das Interview.

Interviewpartner:
Peter Lauener ist Leiter der Kommunikation beim  Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB).

Hans Geiger äussert sich staatskritisch zu den Interventionen der Nationalbank

Die Interventionen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gegen den starken Franken sind politisch breit abgestützt mit einer weitgehenden Zustimmung aus Fachkreisen. Hans Geiger (www.hansgeiger.ch), emeritierter Professor für Banking and Finance der Universität Zürich, beantwortet zum Vorgehen der SNB einige Fragen.

Sie haben die Intervention der Schweizerischen Nationalbank gegen die Frankenstärke teilweise kritisiert und einen pointierten Vergleich gewagt. Ein solcher Eingriff der SNB beim Währungspaar Franken/Euro sei in etwa, wie wenn man eine Tasse Wasser in den Zürichsee kippen würde. Doch offenbar kann sich der von der SNB anvisierte Mindestkurs halten. Warum sind Sie falsch gelegen?

Hans Geiger: Leider ist es nicht so, dass die SNB den minimalen Eurokurs „bisher“ oder „mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit“ verteidigen können muss. Sie muss das in 100,00 Prozent der Fälle tun können. Wenn die Märkte den Glauben an den Euro je verlieren sollten, dann hat die SNB halt wirklich nicht mehr als eine Tasse Wasser im Schrank.

Das durchschnittliche tägliche Volumen an den Devisenmärkten beträgt 4‘000 Milliarden Dollar. Davon betreffen 260 Milliarden Dollar Transaktionen in Schweizerfranken (Zahlen für April 2010). An Spitzentagen – in Zeiten hoher Spekulationswellen – beträgt das Volumen das Mehrfache dieser Zahlen. Die SNB hat im Frühling 2010 während einiger Monate rund 150 Mrd. Franken für Stützungskäufe für den Euro ausgegeben, trotzdem ist der Kurs um 20 Rappen oder rund 15 Prozent gefallen.

Die Bilanz der Nationalbank ist heute schon extrem gross und ebenso verletzlich. Die Bilanzsumme Ende September 2011 beträgt 385 Mrd. Franken. Das sind 70 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Schweiz. Kaum eine andere wichtige Zentralbankbilanz ist auch nur annähernd so exponiert. Dass die SNB „unbeschränkt Devisen kaufen“ kann (Communiqué vom 6. September 2011), glaube ich nicht. Vor allem glaube ich nicht, dass „die Spekulanten“ oder „der Markt“ das glauben. Es gibt zum neuesten „umfassenden Eurorettungspaket“ kaum einen Experten, der damit die Probleme des Euro als längerfristig gelöst betrachtet. Die Wahrscheinlichkeit grober Turbulenzen beim Euro bleibt leider hoch.

Welche währungspolitischen Alternativen hätte die Schweiz in der Situation mit dem starken Franken denn gehabt?

Es gibt nicht für alle Probleme eine Lösung. Vor allem nicht immer eine staatliche Lösung. In der Schweiz leiden gewisse Exportunternehmen, ihre inländischen Zulieferanten und der Tourismus unter einem schwachen Euro- (und Dollar-) Kurs. Diese Unternehmen müssen längerfristig ihre Währungsprobleme selbst lösen. Und sie haben das angesichts der Euro- und Dollarschwächen der letzten Monate viel besser gemacht, als das irgendein Experte gedacht und vorausgesagt hat. Die Exporte stiegen trotz des starken Frankens deutlich. Lassen wir die Firmen ihre Probleme weiterhin selbst lösen. Die Firmen brauchen nicht „währungspolitische Aktionen der Schweiz“, sondern hervorragende Rahmenbedingungen. Daran sollen die Landesregierung und die Kantone arbeiten.

Verschieden Kreise fordern inzwischen eine Erhöhung des Mindestkurses. Welche möglichen Risiken sind mit einer solchen Erhöhung verbunden?

Diese Kreise – nennen wir sie die Etatisten – glauben an die unbeschränkte Macht und Machbarkeit des Staates. Ein Blick auf die Ratlosigkeit der Regierungen Europas in der Krise zeigt, dass ihre Macht klein ist und kleiner wird. Die Regierungen werden mehr und mehr „von den Märkten“ getrieben. Wir hatten doch dieses Jahr schon drei „umfassende Rettungspakete“ für den Euro. Die „Rettung“ ist so fern wie eh und je. Das nächste „umfassende Rettungspaket“ ist wohl bald unterwegs.

Zur Wünschbarkeit des „durch die SNB garantierten“ Euromindestkurses: Die Erhöhung des Mindestkurses ist eine durch und durch schlechte Idee. Im Gegenteil, die SNB muss hoffen, dass sich der Eurokurs am Markt in nächster Zeit auf 1,30 erhöht. Dann könnte sie sagen, es bräuchte den Mindestkurs nicht mehr. Verlöre die SNB auch nur einen einzigen Kampf um den Mindestkurs, dann wäre ihre Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zerstört. Je höher der garantierte Mindestkurs, desto höher ist dieses Risiko. Die SNB muss ihre Kapitalbasis  stärken und die Risiken und die Bilanzsumme reduzieren. Nur so kann sie ihre Unabhängigkeit bewahren und verbessern.

Wenn die SNB auch nur den garantierten Eurokurs von 1,20 Franken lange Zeit beibehält oder beibehalten muss, dann ist ihre unabhängige Geldpolitik im Dienste der Preisstabilität  Geschichte. Im Euroraum (und in den USA) ist eine zukünftige starke Inflation so sicher wie das Amen in der Kirche. Nicht nur, weil die Politik dies nicht verhindern kann, sondern auch, weil sie es nicht verhindern will. Seit Jahrhunderten haben verschuldete Staaten ihre Schuldenprobleme durch Inflation gelöst. Der gesetzliche Auftrag der SNB lautet  aber „Sie gewährleistet die Preisstabilität“. Ohne Wenn und Aber.

Ein starker Franken hat für die Schweiz viele schwerwiegende Nachteile. Andererseits soll es auch Gewinner geben. Wer könnte allenfalls von einem starken Franken profitieren?

Ein starker Franken hat Vor- und Nachteile. Das ist eigentlich bei allen Preisen der Fall. Aber die Profiteure melden sich nicht zum Wort, die Leidtragenden umso mehr.

Beim schwachen Euro überwiegen die Vorteile für die Schweiz. Wir importierten 2010 für 142 Milliarden Franken Güter aus der EU, und diese werden entsprechend billiger. Das Exportvolumen in die EU betrug nur knapp 120 Milliarden Franken. Damit profitieren zuallererst die Konsumenten von billigeren Preisen. Dann Importeure und die Unternehmen, die für den schweizerischen Markt produziert und im Euro- und Dollarraum einkaufen. Ausgeprägt ist der Vorteil bei der importierten Energie, insbesondere bei Erdöl- und Erdgasprodukten und bei anderen Rohstoffen. Die Inflation beträgt in der Schweiz seit Ende 2010 nur 0,6 Prozent, im Euroraum 2,6 Prozent, in den USA 3,0 Prozent, in Grossbritannien 4,3 Prozent. Bei diesen Verhältnissen muss der Frankenkurs steigen. Infolge des starken Frankens sind zudem die Zinsen so tief wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Davon profitieren die Hauseigentümer und die Mieter und generell alle Schuldner. Die Leidtragenden sind hier die Gläubiger, an erster Stelle die Pensionskassen und die Sparer. Diese beklagen sich aber erstaunlicherweise nicht.

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Wir danken Ihnen für die Beantwortung der Fragen.

Interviewpartner:
Hans Geiger, emeritierter Professor für Banking and Finance der Universität Zürich.
Für weitere Themen rund um Banken, Finanzen und Politik besuchen Sie bitte seine Webseite: http://www.hansgeiger.ch/

BIP 2011/Q2: Moderates Wachstum in schwierigem Umfeld

Das reale Bruttoinlandprodukt der Schweiz (BIP) ist zwischen dem ersten und dem zweiten Quartal 2011 um 0,4% gestiegen. Positive Wachstumsimpulse gingen vor allem von der Handelsbilanz mit Waren aus, da die Importe zurückgingen und die Exporte zunahmen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO heute in einer Mitteilung schreibt. Der private Konsum habe sich leicht erhöht, während die Bruttoanlageinvestitionen einen Rückgang verzeichneten. Produktionsseitig hätten vor allem die binnenwirtschaftlichen Dienstleistungssektoren zum Wachstum beigetragen, nicht hingegen die Industrie und der durch Finanzmarktdienstleistungen geprägte Sektor. Verglichen mit dem 2. Quartal des Vorjahres resultierte ein BIP-Wachstum von 2,3%, wie das SECO weiter schreibt.

Die Veränderungsraten des BIP gemäss SECO-Statistik (Quelle)
 

„Im internationalen Vergleich ist die Wachstumsrate für das 2. Quartal noch relativ gut, denn in Europa gibt es Länder mit einem Nullwachstum“, sagt Bruno Parnisari, Leiter des Ressorts Konjunktur beim Staatssekretariat für Wirtschaft. Allerdings müsse man bedenken, dass sich im Juni und Juli Anzeichen für eine Verlangsamung gehäuft hätten. Insbesondere der Purchasing Managers Index (PMI) oder der ISM Einkaufsmanagerindex zeigten in diese Richtung. Aufgrund dieser Verlangsamung der Konjunktur sollte man für das 3. Quartal mit einem schwächeren Wachstum rechnen, so Parnisari.

Privatkonsum steigt leicht

Der private Konsum ist im 2. Quartal gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt um 0,2% gestiegen. Positive Beiträge lieferten insbesondere die Bereiche Wohnen, Gesundheit und die Rubrik Sonstiges, während die Konsumausgaben für Nahrungsmittel deutlich zurückgingen, wie es in der Mitteilung weiter heisst.

Staat stützt BIP – Unternehmen vorsichtig

Der Staatskonsum nahm im 2. Quartal gegenüber dem Vorquartal um 2,8% zu. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken im 2. Quartal gegenüber dem Vorquartal um 2,0%. Der Rückgang beläuft sich auf 1,5% bei den Ausrüstungsinvestitionen und 2,5% bei den Bauinvestitionen, wie es in der SECO-Mitteilung heisst. Nach einer im Durchschnitt starken Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen zwischen Ende 2010 und Anfang 2011, sei es im 2. Quartal zu einer Gegenbewegung auf relativ hohem Niveau gekommen.

Uhren glänzen bei den Warenexporten – sinkende Aussenhandelspreise (-1.8%)

Die Warenexporte (ohne Edelmetalle, Edel- und Schmucksteine sowie Kunstgegenstände und Antiquitäten) stiegen im 2. Quartal um 0,9%. Dabei hätten die Kategorien Chemikalien und verwandte Erzeugnisse sowie die Uhren positive Impulse geliefert. Die Exporte der Rubrik Maschinen, Apparate und Elektronik bildeten sich hingegen zurück.

Die Warenimporte (ohne Edelmetalle, Edel- und Schmucksteine sowie Kunstgegenstände und Antiquitäten) nahmen um 1,9% ab. Der Rückgang betraf fast alle Rubriken der Warenimporte, wie das SECO schreibt.

Die seit einigen Quartalen andauernde rückläufige Tendenz der Aussenhandelspreise setzte sich ebenfalls fort.  Die Exportpreise sanken um 1,8% und die Importpreise um 0,9%.

Dienstleistungsexporte stark im Minus

Die Dienstleistungsexporte sanken im 2. Quartal um 6,2%. Stark zu diesem Rückgang trugen die sehr volatilen Transithandelsgeschäfte bei. Die Tourismusexporte stagnierten. Ebenfalls rückläufig war die Entwicklung der Dienstleistungsimporte (-1,3%).

Wachstum dank Handel, Gastgewerbe, Verkehr und öffentliche Dienste – Industrie rückläufig

Auf der Produktionsseite trugen der Bereich Handel, Gastgewerbe, Verkehr und Nachrichtendienste (+0,9%) sowie der durch öffentliche Dienstleistungen geprägte Sektor (+0,7%) im 2. Quartal positiv zum BIP-Wachstum bei. Demgegenüber stagnierte die Wertschöpfungsentwicklung in der Industrie und verlief im durch Finanzmarktdienstleistungen geprägten Sektor gar leicht rückläufig (-0,1%).

Der Deflator des Bruttoinlandprodukts stieg um 0,8% im Vergleich zum 2. Quartal 2010. Ebenfalls im Vergleich zum Vorjahresquartal setzten die Preise für Ausrüstungsgüter ihren Rückgang, der seit Anfang 2009 zu beobachten ist, fort (-2,8%). Der Deflator der Bauinvestitionen nahm um 2,0% zu. Ohne gegenteilige Anmerkung werden die hier aufgeführten Veränderungsraten gegenüber dem Vorquartal (ohne Hochrechnung auf Jahresbasis) aus saison- und preisbereinigten Reihen berechnet. „Real“ steht dabei als Abkürzung für die Formulierung „zu Preisen des Vorjahres (Referenzjahr 2000).

Was Unternehmen laut OSEC gegen die Frankenstärke tun können

Was Unternehmen gegen die Frankenstärke tun können
Die Intervention der Nationalbank hat beim Währungspaar Euro-Franken zu einer leichten Entlastung geführt. Trotzdem bleibt die Situation für exportierende Unternehmen angespannt. Im Juni 2011 zeigen sich die Folgen des starken Frankens. Der schweizerische Aussenhandel rutschte im Juni nominal tief in die Minuszone, wie die Eidgenössische Zollverwaltung in einer Mitteilung schreibt. So gingen die Exporte um 8.2 Prozent (real +3.1%) auf CHF 15.8 Mrd. zurück. Die Preise für Exportgüter verringerten sich laut Medienmitteilung um hohe 10.9 Prozent. Der Aussenhandel hat im 1. Halbjahr 2011 laut Zollstatistik nominal um 4.3% auf 100.2 Mrd. CHF zugelegt (real. +11.7%). Doch was können Unternehmen gegen den starken Franken tun?

Dienste des Aussenhandelsförderers OSEC werden rege genutzt
Eine Möglichkeit ist die Erschliessung neuer Absatzmärkte. Unterstützung leistet dabei die OSEC, der Aussenhandelsförderer des Bundes. Dass die Unternehmen unter Druck stehen, zeigt sich an der sprunghaften Zunahme der Beratungsanfragen. Allein im ersten Semester ist die Zahl der Firmen, die bei der OSEC um ein Beratungsgespräch angefragt haben, gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr 20 Prozent angestiegen.

Qualität und Swissness – und Kosten senken mit Überprüfung des Einkaufs
Die OSEC gibt fünf Empfehlungen, wie exportorientierte Unternehmen die Auswirkungen des starken Frankens mildern können. So sollten Firmen ihr Angebot vermehrt auf Qualität und das so genannte Swiss Premium ausrichten, wie der CEO der OSEC, Daniel Küng, in einem Blog schreibt. Mit einer Erneuerung der Produkte liesse sich das Preisniveau halten.
In der aktuellen Situation kämen die Unternehmen nicht umhin, die Kostenstrukturen anzupassen. Allenfalls könne schon eine Überprüfung des Einkaufs bei alternativen Herkunftsländern zu tieferen Kosten führen, wie Daniel Küng als zweite Empfehlung schreibt.

Konzentration der Kräfte und neue Märkte in Schwellenländern suchen
Die OSEC rät weiter, zu einer kritischen Überprüfung des eigenen Produktportfolios im Ausland sowie eine noch stärkere Fokussierung auf ausgewählte Märkte, um die angestrebten Margen halten zu können. Die Konzentration der Verkaufsmassnahmen auf ausgewählte Märkte und die Markterschliessung in wachstumsstarken Schwellenländern, kann laut Küng den Unternehmen zusätzliche Vorteile bringen.

Zulieferung überprüfen und Absicherung der Währungsrisiken
Zudem empfiehlt die OSEC, preisliche Anpassungen bei den Zulieferfirmen zu verlangen und die Abrechnungsmodalitäten zu ändern. Bereits gingen viele Exportfirmen dazu über, von den Lieferanten zu verlangen, in Euro abzurechnen. Und nicht zuletzt liessen sich die Währungsrisiken mit finanztechnischen Massnahmen absichern.