Unternehmen, die ihre Rechnungslegung nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) durchführen, klagen in diesem Zusammenhang seit Jahren über den zunehmenden administrativen Aufwand. Nun hat der Verwaltungsrat der Kardex AG laut Medienmitteilung vom 23.08.2011 entschieden, die Rechnungslegung der Kardex Gruppe auf den Jahresabschluss 2011 per 1. Januar 2011 von IFRS auf Swiss GAAP FER umzustellen. AccountingundControlling.ch hat Thomas Reist, Head of Group Controlling bei der Kardex Gruppe, zum Entscheid einige Fragen gestellt.
Seit wann erfolgte bei der Kardex-Gruppe die Rechnungslegung nach IFRS?
Die Kardex-Gruppe rapportiert seit dem 1.1.2004 nach IFRS, das Jahr 2003 wurde restated.
Was war damals der Grund für den Wechsel des Standards?
In Anlehnung an die Europäische Union hat die Schweizerische Börse ab dem 31.12.2005 die Rechnungslegung nach IFRS verlangt, wodurch die Kardex-Gruppe zwei Optionen hatte: entweder ein Going-Private oder IFRS anwenden. Bekanntlich hat sich die Kardex-Gruppe für Zweiteres entschieden.
Welche Vorteile sehen Sie vor allem beim Wechsel auf Swiss GAAP FER?
Die Vorteile von Swiss GAAP FER gegenüber IFRS liegen vorwiegend in den Nachteilen von IFRS. Für alle Anwender von IFRS ist der Aufwand, die Neuerungen nachzuvollziehen, mögliche Implikationen bei der Rechnungslegung frühzeitig zu erkennen und im Anschluss einzuführen, enorm. Die Kardex-Gruppe mit seinen rund 2‘100 Mitarbeitern und 45 legalen Gesellschaften weist heterogene Geschäftseinheiten auf. Einerseits existieren grosse legale Einheiten mit einem gut ausgebauten Finanzapparat, andererseits aber auch sehr kleine Einheiten bei welchen die finanziellen Abschlüsse durch Finanzleute vorgenommen werden, die eher Generalisten als Rechnungslegungs-Spezialisten sind. In dieser Struktur sind Anpassungen von Rechnungslegungsstandards herausfordernd und zeitintensiv, um auch die qualitativ einwandfreie Umsetzung sicherzustellen.
Häufige Anpassungen von Standards reduzieren zudem die Vergleichbarkeit mit weiter zurückliegenden Geschäftsjahren, was es für die Stakeholder schwierig macht Mehrjahresvergleiche vorzunehmen. Gerade die anstehenden Neuerungen bei IFRS bezüglich Leasing (IAS 17) und Revenue Recognition (IAS 11) hätten für die Berichterstattung der Kardex-Gruppe grossen Einfluss, würden den administrativen Aufwand weiter erhöhen und unserer Meinung nach die Transparenz für den Leser der Geschäftsberichte eher negativ als positiv beeinflussen.
Welche Nachteile könnten für Kardex durch den Wechsel des Standards ergeben?
Ein Nachteil ist natürlich der Wechsel vom Main- in den Domestic Standard an der SIX Swiss Exchange. Aufgrund von unserer Aktionärsstruktur fällt dieser Nachteil aber eher weniger ins Gewicht.
Eine Herausforderung wird sicherlich die Implementierung und Durchsetzung von Swiss GAAP FER in der Kardex-Gruppe, da dieser Standard ausserhalb der Schweiz unbekannt ist. Hier ist interne Kommunikation und Know-how-Transfer stärker gefragt als unter IFRS.
Die IFRS Fondation richtet sich mit „IFRS for SME“ (IFRS for Small and Medium Enterprises) an kleine und mittelgrosse Unternehmen. Es handelt sich dabei um eine Art abgespeckte Version des IFRS-Standards. Bringt entgegen der Absicht der IFRS-Fondation „IFRS for SME“ tatsächlich keine administrative Erleichterung? Können Sie ein Beispiel nennen, wo „IFRS for SME“ im Vergleich zu IFRS trotzdem zu hohem administrativem Aufwand führt?
IFRS for SME war für die Kardex-Gruppe keine Alternative, da dieser Standard zur Zeit an der SIX Swiss Exchange nicht zugelassen ist. Grundsätzlich empfinde ich IFRS for SME als praktikable Alternative zu den „grossen“ Standards für internationale KMU. Gerade die selbstauferlegte Frist, den Standard während 3 Jahren nicht anzupassen, empfinde ich als grossen Vorteil.
Sie schreiben in der Medienmitteilung von einem „grossen Aufwand“. Mit welchen Kosteneinsparungen durch den Wechsel des Standards rechnen Sie?
Bei Revision, versicherungsmathematischen Gutachten und Druckkosten für die Geschäftsberichte (aufgrund von reduziertem Umfang) können direkte Einsparungen von rund CHF 250‘000 realisiert werden. Nach vorsichtiger Schätzung gehen wir von zusätzlichen rund CHF 300‘000 indirekten Einsparungen aus.
Können Sie ein Beispiel nennen für die komplexen Detailregelungen, die bei der Rechnungslegung zu hohen Kosten führen?
IAS 19, Retirement Benefit Obligations. Für die versicherungstechnischen Analysen müssen teure Fachleute hinzugezogen werden.
Haben Sie den Eindruck, dass die Regulierungsdichte in den letzten Jahren noch zugenommen hat?
Ja, ganz klar. Die Regeldichte und Häufigkeit von Überarbeitungen hat bei IFRS in den letzten Jahren merklich zugenommen. Dies basiert meiner Meinung nach auf zwei wesentlichen Faktoren: Einerseits die Konvergenz zwischen IFRS und US GAAP, andererseits aber auch auf der Finanzkrise, die gezeigt hat, dass die Transparenz bezüglich effektiv eingegangener Risiken weder unter US GAAP noch IFRS gegeben war.
Für mich als Anwender entsteht mehr und mehr das Gefühl, dass die Standards weit weg von der Praxis entstehen und enormen administrativen Mehraufwand generieren, die dem Leser in der Interpretation der Abschlüsse keinen Mehrnutzen bringen.
Wir danken für die Beantwortung der Fragen.
Interviewpartner:
Thomas Reist ist Betriebsökonom FH und hat einen Master (MaS) in Corporate Finance abgeschlossen. Seit 11 Jahren in verschiedenen Funktionen im Accounting und Controlling ist er nun als Head of Group Controlling bei der Kardex-Gruppe für die korrekte Rechnungslegung und die Erstellung der Jahres- und Halbjahresabschlüsse verantwortlich. Zudem ist er Projektleiter bei der Umstellung auf Swiss GAAP FER.