Für Unternehmen ist die Anwendung der Rechnungslegungsnormen gemäss IFRS zunehmend mit Mehraufwand verbunden. Dem Technologiekonzern WICOR zu schaffen machen insbesondere die vielen Änderungen von IFRS. Wo bei der Rechnungslegung das Unternehmen Handlungsbedarf sieht, zeigt Oliver Kopp, CFO bei der Wicor Holding AG.
Nach welchem Standard führt Wicor die Rechnungslegung durch?
Bei der WICOR-Gruppe mit Sitz in Rapperswil (WICOR = WEIDMANN International Corporation) ist schon seit Mitte der 1990er Jahre für die Rechnungslegung die Vollversion von IFRS (International Financial Reporting Standards) massgebend.
Was sind die Hauptkriterien für die Wahl des verwendeten Standards (z.B. Erschliessung neuer Kapitalmärkte)?
Die WICOR-Gruppe als privat gehaltene, nicht börsenkotiertes Familienunternehmen führte vor rund 15 Jahre IFRS ein, weil dies zum damaligen Zeitpunkt ein sehr geeigneter Standard war für das Konzernreporting einer international tätigen Gruppe mit weltweit 25 Tochtergesellschaften (legal entities). Damals gab es fast keine bessere Alternative zu IFRS und v.a. war IFRS damals ein schlanker, sinnvoller und stabiler Standard. Obwohl WICOR als nicht börsenkotiertes Unternehmen keinen Zugang zu den Kapitalmärkten hat (und braucht) und damit rein bankenfinanziert ist, erfüllte IFRS unsere Bedürfnisse und Anforderungen an einen Accounting-Standard damals sehr gut (einfach, klar, verständlich, konstant, günstig).
Mittlerweile sind die Geschäftsberichte grösserer Unternehmen zu Büchern herangewachsen. Können Sie kurz erläutern, welches für ein multinationales Unternehmen wie Ihres bei der Rechnungslegung der aufwändigste Bereich ist?
Generell sehr aufwändig ist es, die permanenten Änderungen im IFRS intern (z.B. Accounting Manual und v.a. im Reporting) und im Geschäftsbericht (Anhang, Restatements etc.) nachzuvollziehen und abzubilden. Aufwändige Teilaspekte sind für uns der Standard IAS19 (Pension Plan) und die Handhabung der Ertragsrealisierung (POC-Darstellung) und der Impairment-Tests, aber auch Finanzinstrumente und Finanzrisikomanagement sowie die latenten Steuern.
In den letzten Jahren sind die internationalen Standards ständig angepasst worden. Wie gehen Sie mit der zunehmenden Regeldichte um?
Die zunehmende Regelungsdichte erzeugt entsprechend in den Firmen auch einen Mehraufwand. Beispiele für diesen zusätzlichen Aufwand sind:
- externe IFRS-Ausbildung
- interne Schulungen
- Anpassung Accounting Manual und Reporting Tool (z.T. auch ERP)
- steigernde Kosten für Audits durch höhere Komplexität
- umfangreichere Gutachten zu IAS 19
- umfangreicherer Geschäftsbericht
- mehr externe Beratungsleistungen
Den Firmen bleibt nichts anders übrig, als die zunehmende Regelungsdichte aufgrund der permanenten IFRS-Anpassungen auch konstant nachvollziehen und zu versuchen, die neuen Regeln und den Einfluss auf die Abschlüsse der Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat zu erklären und transparent aufzuzeigen. Dabei sind wir vermehrt auf externe Beratunsdienstleistungen (z.B. durch die Revisionsgesellschaft) angewiesen.
Sind die verwendeten Standards zweckmässig und wo sehen Sie allenfalls noch Handlungsbedarf?
Wie vermutlich aus meinen Antworten zu den vorangehenden Fragen ersichtlich, erachte ich heute die IFRS nicht mehr als einen zweckmässigen Standard für die Bedürfnisse einer Unternehmung wie die WICOR-Gruppe (als nicht börsenkotiertes Familienunternehmen ohne Zugang zum Kapitalmarkt).
Nach aussen nicht transparent sein zu müssen ist für uns ein Konkurrenzvorteil. Bereits haben einige international tätige Schweizer Firmen (z.B. Bossard, Gurit, Cham Paper, Kardex etc.) von IFRS weg zu einem anderen, bessere geeigneten Accountig-Standard gewechselt (z.B. Swiss GAAP FER), welcher ihren Anforderungen vollauf genügt, aber nicht die sich bei IFRS in den letzten Jahren herausgebildeten Nachteile hat. Zu diesen Nachteilen zählen die ständigen Änderungen und die damit einher gehende eingeschränkte Vergleichbarkeit mit Vorjahren. Nachteilig wirkt sich auch die angestrebte Konvergenz mit US-GAAP aus sowie die schwierige Verständlichkeit für Nicht-Finanzleute durch die ständig steigende Komplexität. Schwierig ist auch die Handhabung der geplanten Anpassungen (z.B. Leasing und IAS19), welche einen grossen Einfluss auf den Abschluss haben werden, hohe Kosten, Regelungs-Overkill und administrativer Mehraufwand verursachen, aber schliesslich dem Leser in der Analyse der Abschlüsse keinen Mehrnutzen bringen. Handlungsbedarf sehe ich vor allem in einem: Back to the roots. Dies ist aber bei IFRS natürlich nicht möglich.
Was steht in Sachen Rechnungslegung zuoberst auf Ihrer Wunschliste?
Wünschen würde ich mir, dass sich die Eigentümer und der Verwaltungsrat der WICOR-Gruppe in den kommenden Jahren nach sorgfältiger Abwägung aller Vor- und Nachteile für einen unseren Anforderungen und Bedürfnissen am besten geeigneten Rechnugslegungsstandard entscheiden werden. Dies können weiterhin die full-IFRS sein oder ein schlankerer, anderer Standard.
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Wir danken für die Beantwortung der Fragen.
Interviewpartner:Oliver Kopp ist lic. oec. HSG und hat seinen Master 1986 an der HSG abgeschlossen. All seine Berufserfahrung hat er sich in verschiedenen Industriefirmen (z.B. Sulzer, Alstom, Von Roll, etc.) in der Schweiz und im Ausland (4 Jahre) geholt und ist seit 2006 als CFO bei der WICOR HOLDING AG verantwortlich für die finanzielle Führung der Gruppe. .