Der Fall Gate Gourmet hat entsprechend der Deliktsumme von CHF 20 Mio. grössere Wellen geworfen. Schon bei der Rekrutierung machte die leitende Angestellte falsche Angaben. MBA-Abschluss und Doktortitel waren reine Phantasie. Im Verlaufe von drei Jahren griff die Dame dann tief in die Firmenkasse. Die Betrügereien erleichtert hatte insbesondere ein unsachgemässer Umgang mit Passwörtern.
Dass es auch plumper geht, bewies ein Hausabwart. Er verteilte der Mieterschaft Einzahlungsscheine mit der Aufforderung, die Mieten künftig auf ein neues Konto – seiner Bank notabene – zu überweisen. Es vergingen Monate, bis die Immobilienverwaltung die ausbleibenden Einnahmen bemerkte. Ein Strafregisterauszug zeigte später, dass der Mann vorbestraft war.
Klassifizierungssystem zeigt Ansatzpunkte zur Betrugsbekämpfung
Welche organisatorischen Unzulänglichkeiten machen Betrügereien aber erst möglich? Solche Fragen waren Thema beim ersten a+c breakfast vom 12. Mai („Veruntreuung und Betrug – Bei uns wäre das nicht möglich!“). Sikander Bhicknapahari, Jurist und diplomierter Controller, zeigte neben Soll und Haben eine dritte Dimension des betrieblichen Rechnungswesens: Nehmen. Anhand von praktischen Beispielen wurde aufgezeigt, wie kleinste Schwächen von Systemen oder von Menschen zum eigenen Vorteil ausgenützt werden. Aber wie heisst es doch so oft: Bei uns wäre das nicht möglich!
Um den Stand der Massnahmen gegen Betrug und Missbrauch in Organisationen beurteilen zu können, ist ein Checkliste hilfreich. Die Yale Universität hat zu Betrugs- und Missbrauchshandlungen einen Report veröffentlicht (das Klassifizierungssystem findet sich auf Seite 6).
In den oberen Hierarchiestufen schenkt es ein
Statistisch gesehen gehen in den USA 46.2% der Betrugsfälle in den Firmen auf das Konto unterer Hierarchiestufen, während in 26.7% der aufgedeckten Gesetzesübertretungen bei Unternehmen das Management beteiligt ist. Allerdings beträgt die Deliktsumme im ersten Fall USD 50’000 und im zweiten Fall USD 150’000. Betrugsdelikte in Firmen, die von Eigentümern, Verwaltungsräten oder von Geschäftsleitungsmitgliedern begangen werden, machen 17.2% der Fälle aus. Allerdings mit einer durchschnittlichen Schadenssumme von USD 485’000, was, ausgehend von der Schadenssumme (ABC-Analyse), Hinweise für die Betrugsbekämpfung geben kann.
Dass es allerdings auch „ehrliche“ Betrüger gibt, zeigte ein anderer Fall. Ein Verantwortungsträger einer höheren Hierarchiestufe zweigte insgesamt CHF 4 Mio. ab, zahlte den ergaunerten Betrag allerdings klammheimlich samt Zins und Zinseszins wieder zurück. Doch der Betrug flog auf. Beim Griff in die Firmenkasse liess sich durch Manipulation der Einnahmen die Umleitung des Geldflusses noch kaschieren. Doch nach dem Prinzip der doppelten Buchhaltung standen den zurückbezahlten Geldern auf einmal zu geringe Einnahmen gegenüber.
Lesen Sie hier was Sikander von Bhicknapahari zu den Themen Passwörter und Corporate Governance im Vorfeld zum a+c breakfast am 12. Mai 2011 verfasst hat.